Am Montag, den 15. Mai wollen wir mal eine längere Strecke fahren. Uns lockt ein Liegeplatz unterhalb von Sancerre, dem Ort, der nach dem gleichnamigen Wein aus diesem Gebiet benannt ist. Auf der 47 km langen Strecke fahren wir das erste Stück gemeinsam mit einem Schweizer Boot. Wir hatten uns bereits in Decize getroffen, kurz bevor wir abreisten. Das an diesem Tag zu befahrende Kanalstück war extrem verkrautet. Bevor wir die beiden Schleusen in Marseilles-lès-Aubigny erreichten mussten wir uns an einem im Päckchen liegenden Peniche-Paar vorbeiquetschen. Das geht eigentlich im Kanal gar nicht. In Marseille lagen diverse ziemlich rostige Kähne, denn hier gab es einen Reparaturservice. Das Hafen sei seit Jahren eher ein Schrottplatz, erfahren wir von den Schweizern, die seit vielen Jahren mit ihrem Boot in Frankreich unterwegs sind. Gemeinsam machen wir während der Schleusenmittagspause Rast in Beffes. Hier befindet sich ein gut ausgestatteter Liegeplatz, leider direkt an der Hauptstraße, die permanent von Zement-LKW´s frequentiert wird. Die Schweizer haben auf Grund des Krautes bereits Probleme mit ihrer Welle, bzw. dem Propeller. Sie bleiben, wir fahren weiter. Bald darauf befindet sich beidseitig der Fahrrinne im Kanal Geäst, dem wir glauben zu entkommen, indem wir uns sauber in der Mitte hindurchschlängeln. Dort liegt jedoch eine undefinierbare Masse Kraut oder Gras. Nachdem wir dort hindurch sind, haben wir im Boot Vibrationen bei höheren Drehzahlen. Auch der alte Trick, kurz rückwärts zu fahren, schafft keine Abhilfe. Etwas angeschlagen haben wir keine andere Wahl, als weiter zu tuckern. Als unser Ziel in Sicht ist halten wir Ausschau nach den ausgewiesenen Liegeplätzen. Lt. Kanalführer erwartet uns ein schöner Platz in Ménétréol-sous-Sancerre mit Strom und Wasser. Aber das war einmal. Man kann dort noch liegen an einer schrägen Uferbefestigung, alles andere gibt es nicht mehr. Die Liegestellen in St. Statur, 2 km weiter werden auch im Kanalführer als unattraktiv bezeichnet. Als wir dort eintreffen, sind sie gar nicht mehr auszumachen, vor einem großen Silo. Also fahren wir ab zur stillgelegten Loire-Schleuse nach St.-Thibault. Wir sehen viele rostige und stillgelegte Kähne, finden aber doch eine Stelle für uns zum Festmachen. Allerdingt sind die Festmacher so rar gesät, dass wir uns nur vorne gemeinsam mit einem anderen Boot festmachen können. Für die Mittelklampe und die Heckleine müssen wieder unsere Erdanker herhalten, aber das funktioniert gut. Strom und Wasser gibt es gratis. So nutzen wir unser warmes Wasser, um abends an Bord in unserem Mini-Bad zu duschen. Das tut gut. Dienstag ist es ganz schön frisch und windig. Bei nur 13 Grad strampeln wir mit unseren Fahrrädern hinauf nach Sancerre. Elektroantrieb sei Dank, schaffen wir den steilen Anstieg gut. Um 11 Uhr macht das Städtchen noch einen verschlafenen Eindruck. An jeder Ecke gibt es Weinhandlungen für den berühmten Sancerre-Wein. In den engen Gassen haben Künstler ihr Quartier bezogen. Von hier oben hat man einen herrlichen Blick auf das Loire-Tal. Als wir gegen Mittag ein paar Kleinigkeiten in einer Fleischerei einkaufen, werden unsere Räder vom Wind umgestoßen. Mich hat es das Display von meinem Fahrradcomputer gekostet. Sehr ärgerlich. Dauernd ist etwas mit meinem Rad. Vielleicht eine Montagsproduktion. Bevor wir uns wieder auf den Weg machen, kaufen wir noch 2 Flaschen Wein aus dem Anbaugebiet Sancerre, eine Flasche Weißwein und einen Pinot Noir. Dieses Mal haben wir vorher auch verkostet. Da die Plätze in dem Restaurant, welches wir uns zum Mittag ausgesucht haben, alle belegt sind, fahren wir nach Ménétréol. Die Straße hinab führt uns wunderschön durch die Weinfelder des Schlosses Sancerre, von dem wir Wein gekauft haben. In Ménétréol ist nichts los. Das einzige offene Restaurant scheint das gegenüber der vorher beschriebenen Liegestelle zu sein. Wir entschließen uns hier zu essen, denn es ist voll – ein gutes Zeichen. Das Essen in dieser einfachen Kneipe war ein Erlebnis. Es gab keine Wahl – Menü des Tages – essen oder nicht essen. Der Herr des Hauses war offensichtlich der Koch, der in einem kleinen abgetrennten Abschnitt des Restaurants sein Handwerk ausübte. Die Wirtin sah aus, als wäre sie den 50-iger Jahren entsprungen. Sie hatte ein buntes, knielanges Kleid mit ausgestelltem Faltenrock und knallengem Oberteil an. Die Brille war ebenfalls im Stil dieser Zeit. Sie hatte den Laden im Griff. Alles in dem Restaurant war eng und einfach, aber urig. Es gab eine Vorspeise vom Buffet, Hähnchenkeule mit grünen Bohnen und Dessert nach Wahl. Am Buffet konnte man wählen aus diversen Kartoffelsalaten mit und ohne Fisch, Wurstscheiben, Gefüllten Eiern, Mozzarella und anderen Salaten. Dazu haben wir ½ Liter Sancerre Rosé getrunken. Das Ganze hat uns ohne Trinkgeld 42 Euro gekostet. Das war es mehr als wert. In St.-Statur konnten wir gut einkaufen. Am späten Nachmittag sind wir mit den Rädern noch an die Loire gefahren. Das kleine Städtchen St. Statur hat uns auf dem Weg dorthin noch mit einem Golfplatz und einem stillgelegten Schwimmbad überrascht.















Ein wenig gespannt auf die Vibration unseres Bootes, sind wir am Mittwoch weitergefahren. Ich hatte mehrfach versucht die kommende Schleuse in Bannay zu erreichen. Leider konnte ich nur den Anrufbeantworter besprechen. Als wir auf die Schleuse zusteuerten, war diese bereits geöffnet und ein Leihboot steuerte sehr gewagt in Querlage in die Schleuse. Auf dem Boot waren zwei ältere Herren, wahrscheinlich beide jenseits der 80. Was sie mit den Schleusenleinen zu tun hatten, war ihnen offensichtlich nicht klar. Wir blieben weit hinten in der Schleuse und die Schleusenwärterin mühte sich redlich, die Herrn beim sichern der Leinen zu unterstützen. Aber die hatten ihren eigenen „Starr“-sinn. Irgendwann konnten wir endlich schleusen, aber danach begann das Drama erst. Das Boot lag wieder quer in der Schleuse und der Bootsführer fuhr nicht los, sondern bewegte sich nach Steuerbord um das Boot zu verlassen. Sein Mitfahrer wusste offenbar gar nicht, was zu tun war. Der über 80-jährige Bootsführer kletterte die Leiter hoch, ging handwerfend, schlurfend über die Brücke und ließ sich nach einigem Hin und Her steuerbord eine Leine geben. Was dann geschah war unfassbar. Er versuchte das Boot aus der Schleuse zu ziehen. Dazu kletterte er auf das Brückengeländer. Wir dachten, jeden Moment er fällt ins Wasser. Die Schleusenwärterin telefonierte verzweifelt mit ihrem Kollegen, da den beiden Alten mit Hinweisen nicht beizukommen war. Wir hatten auch versucht zu helfen, wurden jedoch von der Schleusenwärterin zurückgehalten, die offenbar mit dieser Situation völlig überfordert war. Sie schmiss uns zu allem Übel unsere Heckleine runter, die uns mit gegen dieses Chaos sicherte. Eine Gruppe Radfahrer, die das verzweifelte Tun sahen, versuchte dem älteren Herrn zu helfen. Das konnte jedoch natürlich nicht funktionieren, denn die Leine war schließlich nicht unter der Schleusenbrücke hindurchzuführen. Nach einigen gefahrvollen Situationen kam endlich der Kollege von VNF. Er hat sich irgendwie an Bord des Leihbootes gehangelt, bekam es gestartet uns ist mit brutalem Anecken an den Schleusenwände und dem Tor aus der Schleuse herausgefahren. Nach einigem Hin und Her war es ihm gelungen, das Boot an die Seite vor der Schleuse zu bringen und den Bootsführer wieder an Bord zu beordern. Es war eine Stunde vergangen, als wir endlich unbeschadet aus der Schleuse ausfahren konnten. Die nächste Schleuse wurde von dem VNF-Mann, der diese Situation gerettet hatte, betreut. Er machte uns deutlich, dass wir noch auf ein Boot warten müssen. Und tatsächlich, die alten Herren kamen angetuckert. Der Schleusenwärter blieb auf Backbord und gab mir Zeichen ich möge helfen. Das war eigentlich selbstverständlich. Aber dann trieb er mich auch noch an, das Schleusentor schnell zu schließen, das heißt, die Steuerbordseite am Schleusentor zu drehen. Habe ich natürlich gemacht – hätte man mich aber auch nicht so ruppig zu auffordern müssen. Aus den Wortfetzen, die ich auffangen konnte wurde klar, dass er den beiden Alten unmissverständlich klar machte, dass sie nach der nächsten Schleuse nicht weiterfahren dürften. Er kontaktierte den Vermieter. Uns so war es dann auch. Der Bootsführer deutete mir mit abgesenktem Daumen und einem bedauernden Achselzucken die Situation. Irgendwie taten mir die Beiden auch leid. Sie hatten sich dieses kleine Abenteuer gönnen wollen und waren damit völlig überfordert. Unser nächstes Abenteuer wartete unweit km 185 in Form eines Baumes quer über den Kanal. Wir konnten backbord gerade so passieren. Das war genug Abenteuer für heute. Das Boot lief weiterhin nicht rund. Allerdings bei Tiefen ab 1,70m ging es besser. Gegen 15:30 Uhr machten wir in Châtillon-sur-Loire fest. Wir fanden Platz ein einem Steg mit dem Bug zum Ufer. Wir gingen am Nachmittag noch in den Ort, da wir erkunden wollten, wo der Markt stattfinden könnte. Châtillon war eine Bastion des Protestantismus, die ständig von den Katholiken belagert wurde. In den verwinkelten Häuserzeilen waren einige Häuser von ehemaligen Kaufleuten in gutem Zustand. Viele kleine, schmale Häuser waren unbewohnt, einige wieder hergerichtet. Die meisten Läden waren zu oder verlassen. Dennoch war der Ort nicht unsympathisch. Es gab schöne Ecken und weniger schöne. Wo der Markt stattfinden würde, haben wir nicht entdeckt. So haben wir uns am Donnerstag, Herrentag und Christi Himmelfahrt, wieder in die Stadt begeben und den Markt tatsächlich gefunden. Diesen Ortsteil hatten wir uns gestern auch tatsächlich nicht angesehen. Er lag nahe den Schulen und nördlich der Grande Rue. Markt ist immer toll und man muss aufpassen, nicht in Kaufrausch zu verfallen. Und natürlich haben wir wieder etwas gekauft. Es war wie immer ein Erlebnis. Nach einem Mittagsimbiss sind wir mit den Fahrrädern los, Richtung Loire. Der Zweigkanal der auf die Loire führte, ist nach Inbetriebnahme der Kanalbrücke stillgelegt worden. Wir sind zum Bassin des Mantelots und zur alten Schleuse gefahren. Viele Ausflügler waren hier an den Ufern des Bassins aber auch an der Loire unterwegs. Man hat geangelt, gepicknickt und ist mit mehreren Familien mit dem Rad unterwegs gewesen. Alles ohne die in Deutschland üblichen Bierorgien, die diesem Tag nicht gerecht werden. Später haben wir an Bord gechillt und geplant, ab wann wir an der Servicestelle für unseren Motor sein wollen. Das Wetter war die ganze Zeit freundlich, aber frisch.
















